Mensch-Sein mit Algorithmen ?


An einer mittelalterlichen Universität gab es zwischen den – damals führenden – Fakultäten der Theologie und der Philosophie Streit um die Frage, welche der beiden Disziplinen ursprünglicher und bedeutender, wer Herrin und wer Dienerin sei. Die Theologie nahm für sich die Rolle der Herrin in Anspruch. Nach einigem Überlegen gaben die Vertreter der Philosophie zu Protokoll, dass es für sie als Diener nur darauf ankäme, der Herrin nicht die Schleppe hinterher- sondern den Leuchter vorauszutragen.

Sehr ähnlich wird heute oftmals die Frage diskutiert, ob Menschen oder Algorithmen die Welt beherrschen. Wer die weitere Entwicklung bestimmt, ist aber mehr als die Frage nach einer Rollenverteilung. Wollen wir Menschen einem mechanistischen Weltbild und so Maschinen und Rechenentscheidungen dienen? Oder wollen wir die Entscheidungen treffen und mit Werkzeugen, die auf Algorithmen basieren, unsere Welt gestalten?

Was macht den Menschen aus?

Wir Menschen haben neben Bedürfnissen, ein Bewusstsein, Sensoren und einen Geist. Im Laufe unseres Lebens bilden wir eine Identität aus durch Reflexion, Erfahrungen und im Austausch mit anderen. Als jeweils individuelle Persönlichkeit können wir Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen.

Maschinen können rechnen. Das können sie sehr schnell und dabei Unmengen von Daten bewältigen. Was sie als Ergebnis präsentieren, ist ein Rechenergebnis auf Basis binärer Logik. Es ist keine Entscheidung. Es dient bestenfalls der Entscheidungsvorbereitung, egal wie weit Künstliche Intelligenz und Deep Learning vorangeschritten sind. Es bleibt die Simulation intelligenter Reaktionen – zugegebenermaßen sind es mitunter brillante Simulationen.

Entscheidungen, die Maschinen treffen, basieren auf Algorithmen, für die – zumindest im Augenblick – Menschen verantwortlich zeichnen. Treten beispielsweise Haftungsfragen auf, sucht man nach einer verantwortlichen Person oder Organisation. Ein Beispiel ist der vielzitierte Unfall eines Tesla mit einem Lkw im Jahr 2017. Das teilautonom fahrende Fahrzeug hatte aufgrund der Lichtverhältnisse den Lkw nicht erkannt. Die Frage war ganz selbstverständlich nicht, wie man das Auto für den entstandenen Schaden bestrafen könnte.

Hat sich der Mensch im Zeitalter der Digitalisierung verändert?

Die Grundbedürfnisse des Menschen und die Konstitution des Menschen haben sich nach meiner Einschätzung nicht verändert. Verändert haben sich hauptsächlich die Möglichkeiten und vor allem das Tempo Bedürfnisse zu befriedigen. Dafür dienen verschiedenste Ausformungen von Algorithmen als Werkzeuge. Ob man sich von den Werkzeugen helfen oder versklaven lässt, ist wieder eine Entscheidung, die wir Menschen zu treffen haben.

Mir sind natürlich Untersuchungen bekannt, die zeigen, dass der Umgang mit den Maschinen, das Verhalten von Menschen verändert. So ist z.B. der Sprachgebrauch von Kindern, in deren Familienhaushalt sich die sprachgesteuerten Helfer befinden, stark vom Befehlston geprägt. Fragen oder Bitten nehmen stark ab.

Wir sollten aber nicht den Verlust von Kulturtechniken als Maßstab nehmen, um die Überlegenheit von Maschinen zu begründen. Hier schließe ich mich eher der Forderung von Siegfried Reusch an, dass es an der Zeit ist, endlich “Kulturtechniken des Digitalen zu entwickeln.” Im Editorial des Journals für Philosophie der blaue reiter (Ausgabe 41, 1/2018) schreibt er weiter: “Jede Maschine ist nicht mehr und nicht weniger als eine kreativ nutzbare Dimension der menschlichen Art und Weise des In-der-Welt-Seins.”

Mensch-Sein mit Algorithmen

Unser Tagungs- und Kampagnenthema will als Impuls verstanden werden. Es ist Anfrage und Diskussionsanregung an alle Disziplinen, die sich mit den Entwicklungen der sogenannten Digitalen Transformation beschäftigen. Wird es uns gelingen, mit der Weiterentwicklung der Fähigkeiten von Maschinen, Menschen zu bleiben? Werden wir uns bewusst bleiben, dass wir die einzigen sind, die Verantwortung übernehmen können für all die genialen binären Simulationen, die wir gerade anstoßen?

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Ruth Stubenvoll

Ruth Stubenvoll kam vor 20 Jahren als Quereinsteigerin in die IT. Auf der Basis eines soliden geisteswissenschaftlichen Studiums (Germanistik, Geschichte, Philosophie und Erwachsenenpädagogik) unterstützt sie IT-Unternehmen seither bei der Weiterentwicklung und allen Change-Themen. Sie arbeitet als Beraterin für Kommunikation, als Coach, Mediatorin und Autorin. Erschienen sind von ihr zahlreiche Kolumnen zu Marketing-Themen und 2013 im dpunkt Verlag - zusammen mit Thomas Matzner - "IT-Freelancer - Ein Handbuch nicht nur für Einsteiger", das sich zum Standardwerk entwickelt hat. Ruth Stubenvoll ist Mitglied in der Gesellschaft für Informatik und im German Chapter of the ACM (2010-2014 Mitglied des Vorstands). ---------- Ruth Stubenvoll majored in German Literature, History, Philosophy, and Adult Education. 20 years ago she changed gears and started to work in the field of IT. Since then she consulted with small and medium caps to help in their advancement. She is also an expert in inter-personal communication and mediation and published numerous articles on IT-related marketing. “IT-Freelancer – ein Handbuch nicht nur für Einsteiger” which appeared 2013 in dpunkt Verlag and co-authored with Thomas Matzner became a reference book. Ruth Stubenvoll is a member of the Gesellschaft für Informatik as well as the German Chapter of the ACM (2010-2014 Member of the Board).


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