Gespräch mit dem Künstler Manfred Mohr über die digitale Transformation

Manfred Mohr ist ein international renommierter Pionier der Digital-Kunst und einer der ersten, die für ihre Kunst Pinsel und Leinwand durch Computer und Plotter ersetzt haben. Unter seinen zahlreichen Auszeichnungen ist der ACM SIGGRAPH Distinguished Artist Award for Lifetime Achievment in Digital Art, den er 2013 erhielt. Mit einer retrospektiven Ausstellung „Der Algorithmus des Manfred Mohr“ wurde er vom ZKM – Media Museum, Karlsruhe geehrt. Zurzeit ist er mit seinen Werken in der Ausstellung „Artists and Robots“ im Grand Palais in Paris vertreten.

Gerhard Schimpf, der mit dem Künstler ein Leben lang freundschaftlich verbunden ist, hat Manfred Mohr in seinem New Yorker Loft besucht, um sich mit ihm über die digitale Transformation aus der Sicht eines Künstlers zu unterhalten.

Welche Schritte haben Dich dazu bewegt Computer zu verwenden, um Dich künstlerisch auszudrücken?
Ich muss sagen, das war eine Entwicklung, die sich über mehrere Jahre hinweg vollzog. Ich kam, wie Du weißt, ja von der Jazz-Musik. Musik ist eine abstrakte Welt, in der ich mich künstlerisch entfaltet habe. Ich kam zur visuellen Kunst, bzw. zur Malerei – erst viel später – und das war eben die Abstraktion, die mich schon von der Musik her interessierte. Ich wollte nie die Welt interpretieren, sondern eine eigene Welt schaffen. Die Kunst der 50er und 60er Jahre war weitgehend „Abstrakter Expressionismus“ und mir wurde früh klar, dass man in einer solchen Kunst gute Arbeiten nicht planen kann, sondern muss sich in endlosen Versuchen an Resultate herantasten. Ich habe mir lange überlegt, wie ich eine Kunst machen könnte, deren Ausführung kontrollierbar ist, sodass ich, bevor ich anfange weiß, was ich machen möchte.

Entscheidend beeinflusst haben mich dazu die Schriften von Prof. Max Bense, der damals Philosophie Professor an der Uni Stuttgart war. Er, der ja Physiker und Mathematiker war, hat frühe Aspekte der Informatik Theorie auf die Ästhetik und die bildende Kunst angewandt. Er schrieb: „In unserer heutigen technologischen Welt sollte man auch eine rationale Kunst machen“. Dieser Begriff „rational“ hatte mich wie ein Blitzschlag getroffen.

Mit abstrakten geometrischen Zeichen habe ich versucht rationale Kunst zu machen. Schnell wurde mir klar, dass eben nur die Ausführung rational war, nicht aber der Inhalt. Über mehrere Jahre hinweg habe ich daran gearbeitet herauszufinden, was eigentlich rationale Kunst ist und wie man eine solche Kunst herstellen könnte. Ich lebte damals in Paris, wo ich 1967, den französischen Komponisten Pierre Barbaud kennen lernte. Dies war für mich eine wichtige Begegnung, denn Barbaud komponierte schon seit einiger Zeit seine Musik mit einem Computer. In langen Gesprächen mit ihm, wurde mir klar, welche Richtung ich einschlagen muss. Die Idee einer rationalen Kunst nahm plötzlich Gestalt an. Ich musste das Programmieren lernen, also Algorithmen entwickeln, die dann meine Zeichnungen erzeugten. Nachdem ich die Programmiersprache FORTRAN erlernt hatte, musste ich auch einen Computer finden, was für einen Künstler in den 60er Jahren in Paris fast unmöglich war. Solche riesigen Maschinen fand man nur in großen Instituten mit klimatisierten Räumen und kosteten Millionen und waren abgeschirmt von unautorisiertem Personal.

Wie so oft im Leben spielte der Zufall eine große Rolle, denn ich sah im französischen Fernsehen eine Sendung über das Rechenzentrum der Météorologie Nationale in Paris. Man zeigte einen großen automatischen Zeichentisch, auf dem die Wetterkarten gezeichnet wurden. Ich sah sofort, das ist das Gerät, mit dem ich meine Zeichnungen realisieren kann. Ziemlich naiv habe ich dort angefragt, ob ich an dieser Maschine arbeiten könnte. Freundlich wies man mich ab, betonte aber, ich könne ja an das Ministerium schreiben, vielleicht gäbe es da eine Möglichkeit. Ohne zu zögern, schrieb ich einen Brief an das Ministerium für Transport und Verkehr. Und siehe da, ein paar Wochen später erhielt ich einen Brief, dass ich zu einem Interview mit dem Minister kommen solle. Ich habe mich bei ihm vorgestellt und genau erklärt, was ich mit einem Computer und Zeichentisch zu einer künstlerischen Aussage vorhatte. Der Minister war außergewöhnlich nett und begeistert und sagte plötzlich zu mir: „junger Mann, als ich jung war, wollte ich auch einmal Künstler werden“. Ich spürte sofort, dass das Gluck auf meiner Seite stand. Mit der Erlaubnis des Ministers konnte ich beginnen und habe dann während der nächsten 13 Jahre hunderte von Zeichnungen mit dem Computer und Plotter hergestellt. Zunächst sehr einfache, lineare Zeichnungen, wobei ich von musikalischen Konzepten ausging und sie in visuelle Abläufe umsetzte. Später wurde dann der Würfel zu meinem grafischen Instrument, ein Instrument also, auf dem ich spielen konnte. Der Würfel wurde zerlegt, zerschnitten, gedreht usw. Nach und nach habe ich mich dann einer größeren Komplexität, also höheren Dimensionen zugewandt.
Bis heute, vier Jahrzehnte danach, bin ich noch immer von diesem kartesianischen Baustein begeistert. Die Idee, eine Logik zu entwickeln aus der sich dann mit einem Algorithmus visuelle Resultate ergeben, ist die Basis meiner Kunst.

Sind Deine Kunstwerke eigentlich Geschöpfe der Informatik oder der Mathematik und welchen Einfluss hat Deine Lebenspartnerin, die Mathematikerin Estarose Wolfson, auf Deine Arbeit?
Zunächst muss ich sagen, selbst wenn ich programmiere, sehe ich nicht den informatorischen oder mathematischen Aspekt. Es geht mir darum, meine eigenen Ideen zu realisieren und dazu hole ich mir Hilfsmittel aus verschiedenen Richtungen, mal ist es die Physik, dann die Mathematik oder die Programmierung. Obwohl ich immer Elemente der Mathematik verwenden muss, um meine Ideen zu realisieren, zeige ich keine mathematische Kunst, sondern das Resultat einer Idee, die dann unabhängig von mir und ihrer logischen Herkunft, sich als „selbständige künstlerische Aussage“ behaupten muss.

Jetzt ein großer Sprung zum Teil der Frage, wie ich Estarose kennengelernt habe und welchen Einfluss sie auf meine Arbeit hat.

In Paris im Herbst 1969 rief mich ein Bekannter an und sagte, dass sich eine junge Amerikanerin bei ihm angesagt hätte, sie sei Mathematikerin und arbeite mit dem Computer. Er habe sofort an mich gedacht und ihr erzählt, dass er einen Künstler kenne, der Kunst mit dem Computer macht. Sie war sofort daran interessiert und so hat er uns beide zum Abendessen einladen. Estarose und ich kamen zwar aus verschiedenen Richtungen, einerseits Mathematik und auf der anderen Seite Kunst, die sich aber durch unser gemeinsames Interesse am Computer und Kunst überschnitten. Wie Du siehst, war das eine tolle Begegnung, denn wir sind nach fast 50 Jahren noch zusammen.

Über die Jahre musste ich, was die Mathematik angeht, immer alles nachschlagen. Heute kann ich Estarose fragen, ob sie z. B. eine mathematische Lösung weiß zu einer Idee, die mir vorschwebt. Oder ich kann sie fragen, ob man für dieses oder jenes eine mathematische Antwort finden kann, usw … Für mich ist das ein tolles Sicherheitsnetz, denn sie ist die einzige Person auf der Welt, die zu mir sagen kann: da stimmt etwas nicht an Deinem Ergebnis. Sie versteht, was ich mache und sieht sofort, wenn irgendetwas logisch nicht stimmt. 

Welche Auswirkungen der fortschreitenden digitalen Transformation nimmst Du wahr und was bedeuten diese für Deine Arbeit?
Ich bin eigentlich nicht der Typ, der immer schaut, was sich in der letzten Entwicklung der Technologie tut, um es dann gleich anzuwenden. Eigentlich umgekehrt und das trifft auf jeden Künstler zu: hat man eine Idee, muss man auch immer das passende Werkzeug zur Realisation finden oder manchmal auch erfinden. Für mich ist das primär die Programmierung und zugleich auch der Grund, dass ich die Digitalisierung akzeptiere, da sie mein Werkzeug geworden ist und mir Antworten auf meine Fragen geben kann. Wie bei allem, wenn man beispielsweise lange mit der Informatik zu tun hat, entwickelt man eine „Deformation professionelle“. Man denkt plötzlich ganz anders und kann es sich nicht verkneifen z. B. Kunstwerke anderer Künstler zu analysieren, um nach tief liegenden logischen Zusammenhängen zu suchen. Wenn da nichts zu finden ist, hat man den Eindruck, dass der Künstler überhaupt nicht versteht, was er tut. Genauso in der Musik, wenn ich Minimal Music höre, wie z. B. Steve Reich, wird mit klar, da ist ein Künstler am Werk, der mit einer großen Klarheit im Denken arbeitet. 

Wie wirkst Du selbst an der digitalen Transformation mit?
Für mich ist das einfach automatisch. Wenn man einmal den Fuß auf ein Fließband setzt, fährt man einfach mit, ohne sich bewusst zu sein, dass wenn man A sagt, auch B sagen muss. Man merkt es eigentlich gar nicht, dass man da mitten drin steht. Die Welt bleibt normal um mich herum, weil ich die Dinge an mich heranziehe die ich für meine Kunst verwende.

Bezogen auf unser menschliches Zusammenleben: welche Chancen verbindest Du mit der digitalen Transformation und welche Risiken?
Chance und Risiko stecken beide in allen Entwicklungen; das muss nicht digital sein. Jede Technologie bringt positive Dinge und negative Dinge mit sich. Das Positive ist immer das, was man sich erarbeiten muss und das Negative drängt sich einem, wenn man nicht aufpasst, buchstäblich auf. Bei jeder Technologie muss man aufpassen, dass man nicht in eine Falle tritt. Man muss immer schauen, was ist gut und was ist schlecht für mich. Da fallen mir jetzt gerade Isaac Asimov’s Gesetze aus den 1960er Jahren zur Robotik ein; besonders das nullte Gesetz: „Ein Roboter darf die Menschheit nicht verletzen oder durch Passivität zulassen, dass die Menschheit zu Schaden kommt“. Das war sehr visionär. Genau unter diesen Regeln muss man die fortschreitende Technologie anschauen.

Ich kann auch zurückgreifen auf den kanadischen Philosophen Marshall McLuhan, der auch über Fortschritt und Maschinen sprach (The Medium is the Massage,1967). Durch ihn habe ich verstanden, dass ich eine Maschine so sehen sollte, als sei sie eine physische Ausdehnung von mir. Prinzipiell ist eine Maschine nicht gegen mich, sondern sie ist zunächst etwas, das mich fast übermenschlich macht. Mithilfe einer Maschine kann ich etwas tun, das ich zuvor nur denken, aber nicht von Hand machen konnte. Zur gleichen Zeit entsteht aber auch die Gefahr, dass sie sich doch gegen mich wenden könnte und das muss ich früh erkennen.

Auch in der heutigen so viel gepriesenen künstlichen Intelligenz kommen wir sehr nahe an die Gefährlichkeitsgrenze einer möglichen Selbstzerstörung. Den intelligenten Spielraum den wir der Maschine überlassen, müssen wir in einer neuen Zusammenarbeit „Mensch/Maschine“ philosophisch und praktisch überarbeiten.

Welche Risiken verbindest Du mit der digitalen Transformation? Was bedeutet für Dich, „Mensch-Sein mit Algorithmen“?
Mensch-Sein bedeutet für mich, dass ich mich realisieren kann. Ich kann denken, ich kann etwas tun, das zum Beispiel nur ich tun kann. Was das nun genau ist, ist sozusagen meine Lebensaufgabe: herauszufinden wer ich bin. Darin sehe ich die größte menschliche Genugtuung. Einen Algorithmus zu erstellen ist eben auch ein Resultat meines Denkens. Ich realisiere mich mit meiner Fähigkeit logisch zu denken. Auf meine Kunst bezogen heißt das, dass alles was ich als Künstler tue, eben auch einen Algorithmus zu schreiben, den menschlichen Bezug aufrecht erhält. Selbst im Kalkül bleibe ich immer Manfred Mohr.

Manfred Mohr, vielen Dank für das gute Gespräch und die Gastfreundschaft.

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Gerhard Schimpf, the recipient of the ACM Presidential Award 2016, has a degree in Physics from the University of Karlsruhe. As a former IBM development manager and self-employed consultant for international companies, he has been active in ACM for over four decades. He was a leading supporter of ACM Europe, serving on the first ACM Europe Council in 2009. He was also instrumental in coordinating ACM’s spot as one of the founding organizations of the Heidelberg Laureates Forum. Gerhard Schimpf is a member of the German Chapter of the ACM (Chair 2008 – 2011) and a member of the Gesellschaft für Informatik. --oo-- Gerhard Schimpf, der 2016 mit dem ACM Presidential Award geehrt wurde, hat an der TH Karlsruhe Physik studiert. Als ehemaliger Manager bei IBM im Bereich Entwicklung und Forschung und als freiberuflicher Berater international tätiger Unternehmen ist er seit 40 Jahren in der ACM aktiv. Er war Gründungsmitglied des ACM Europe Councils und gehört zum Founders Club für das Heidelberg Laureate Forum, einem jährlichen Treffen von Preisträgern der Informatik und Mathematik mit Studenten. Gerhard Schimpf ist Mitglied des German Chapter of the ACM (Chairperson 2008 – 2011) und der Gesellschaft für Informatik.


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